Vitality oder Conformity? Versicherungen & die Selbstoptimierung
Verdrängt die Eigenverantwortung die Solidarität? Einige Gedanken zu Versicherungs-Bonusprogrammen und der ceres Ringvorlesung „Zwischen Freiheit und Gesundheitszwang. Solidarität in einem digitalen Gesundheitswesen“.
Die Formel, die das Unheil auf den Punkt bringt, ist einfach. Sie lautet 4-4-60: Es gibt 4 menschliche Verhaltensweisen (der Hang zu Junkfood, Sportmuffelei, Rauchen und/oder Alkoholkonsum), die 4 chronische Krankheiten begünstigen (Krebs, Diabetes, Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen), die wiederum Ursache von 60 % aller Todesfälle weltweit sind (in Deutschland: 77 %). Was sagt das vor allem aus? Die teuersten Erkrankungen entstehen nicht mehr durch übertragbare Krankheitserreger, sondern durch selbstverschuldetes Verhalten.Vitality: Generali will zu gesundem Verhalten motivieren
Der Versicherer Generali hat reagiert und das international bereits anerkannte Vitality-Programm für die Mitglieder ihrer Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen gestartet. In der ceres Ringvorlesung am vergangenen Mittwoch stellte Andrea Timmesfeld, Country Functional Head in der Abteilung Public Affairs & Community Engagement bei Generali Deutschland, das Programm vor. Vitality funktioniert in drei Stufen: 1) Bewusst machen, 2) Aktiv leben, 3) Belohnt werden. Die Versicherten setzen sich gemeinsam mit der Versicherung persönliche Gesundheitsziele, verfolgen und dokumentieren sie, und erhalten für jede Aktivität Punkte. Je mehr Punkte, desto höher der Status, desto üppiger die Boni und desto höher der Beitragsrabatt. Bei Generali gibt es bis zu 15 %. Es gibt vier Stati: Bronze, Silber, Gold und Platin. Generali partnert mit verschiedenen Gesundheitsanbietern, die Programmteilnehmern Rabatte anbieten. Auf die Spitze getrieben würde die idealtypische Teilnahme an Programmen wie diesen zu einer ziemlich gesunden Gesellschaft führen. Aber das Ziel einer gesünderen Gesellschaft korreliert vielleicht auch nur zufällig mit den Interessen einer Kapitalgesellschaft. Und entfernt die Versicherung möglicherweise auch von der eigentlichen Idee einer Versicherung.Versicherungen: Versichern sie noch, oder coachen sie schon?
“Smart Insurance” nennt Generali die Versicherung der Zukunft. Anstelle von zwei Kontaktpunkten jeweils zum Abschluss und zur Ausschüttung möchte die Versicherung die Berührungspunkte mit ihren Kunden erhöhen. Mehr Touchpoints, mehr Cross Selling. Das ist in der Tat smart. Generali möchte nicht nur im Worst Case einspringen, sondern lieber Life Coach für die Prävention von Worst Cases sein. Das zahlt sich für beide Seiten aus. Doch was würde dann eigentlich aus den Versicherungs-Claims und Marketing-Headlines, die im Grunde alle auf das Credo "Hallo Freiheit!" einzahlen und Netz und doppelten Boden versprechen? Was würde aus dem urtypischen Deal, den Versicherte mit ihrer Versicherung geschlossen haben, nämlich aufgefangen zu werden – no matter what? Wird sie am Ende nur noch diejenigen im Normbereich absichern, die sie aus lauter Vorbildlichkeit gar nicht mehr benötigen?Vitality – auf Kosten der Individuality?
Gesund, agil und langlebig zu sein ist toll. Das ist keine Frage. Aber ein Leben und eine Gesellschaft ohne Aussetzer nach oben oder unten und zur Seite wäre für manche schlicht uninspiriert. Die prägendsten Persönlichkeiten durchgingen und erlitten die größten Untiefen und erlebten die höchsten Lüste und Genüsse. Genau hier, im Leben am Limit, haben sie die kreativsten Erzeugnisse für die Welt hervorgebracht. Menschen gegen ihren Willen in normierte Schablonen zu zwängen – bereits indem man sie durch die gesundheitsökonomische Brille betrachtet – würde die Gesellschaft vermutlich nicht zu einem freundlicheren Ort machen.
Thomas Edison erfand unsere Glühbirne. Was ihn vermutlich dabei beflügelt hat: Sein nächtliches Lieblingsgetränk Vin Mariani, eine Mischung aus Wein und Kokain
Nudging: Motivieren wir noch, oder nerven wir schon?

Die Fliege im Pissoir ist das bekannteste Nudging-Beispiel. © Wikipedia/Stephan Bellini