Pflege 4.0: Pflegeroboter können Personal entlasten. Mehr als eine Vision?
Der akute Personalmangel in Pflegeinstitutionen braucht Lösungen. Bieten Roboter eine Option, Personal tatsächlich zu entlasten? Was könnte die Zukunft bringen und was ist bereits im Pflegealltag angekommen?
Die stationäre Pflegebranche ist vom demografischen Wandel besonders betroffen, sowohl in der Altenpflege als auch im Krankenhaus: Während die Anzahl der Pflegebedürftigen zunimmt, entscheiden sich immer weniger Berufsanfänger für den Pflegeberuf, gleichzeitig scheiden ältere Pflegekräfte aufgrund der hohen körperlichen und psychischen Belastung frühzeitig aus dem Beruf aus. Die häufig belastenden Arbeitsbedingungen führen dazu, dass Pflegekräfte überdurchschnittlich oft krank sind. Das ergab eine Analyse der Arbeitsunfähigkeitsmeldungen durch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Demnach fallen in der stationären Altenpflege 6,3 Prozent der Mitarbeiter jeden Tag durch Krankheit aus, während der Krankenstand im bundesweiten Durchschnitt aller Branchen bei nur 4,8 Prozent liegt. Zudem dominieren in der Pflegebranche Langzeiterkrankungen, das heißt: Beschäftigte können häufig mehr als vier Wochen lang nicht arbeiten.
In der Zukunft leere Flure? Pflegepersonal ist überdurchschnittlich oft krank und der Nachwuchs fehlt.
Vorreiter Japan
Da keine andere Industrienation so schnell wie Japan überaltet, wurde hier schon frühzeitig die Chance identifiziert, die die Robotertechnik für die Entlastung der Pflegekräfte sein kann. Bereits im August 2009 verkündete Riken - Japans größter Forschungsverbund - in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Tokai Rubber Industries einen Roboter entwickelt zu haben, der Personal und Patienten in der Pflege unterstützen könne. Seit 2015 existiert "Robear". Dieser kann mit einem Tablet gesteuert werden und hebt Patienten beispielsweise vom Bett in einen Rollstuhl. Dabei soll der Bär-ähnlich gestaltete Roboter dank feinerem Übersetzungsverhältnis und besseren Sensoren schneller und genauer arbeiten als seine Vorgänger RIBA und RIBA-II, die 2009 und 2011 präsentiert wurden. Laut Riken seien solche Roboter speziell zum Transport von Bett in Rollstuhl gut geeignet und könnten so helfen, Rückenschmerzen beim Pflegepersonal zu entlasten.
Leichter, wendiger und gefühlvoller – das sind die wichtigsten Neuerungen bei der dritten Generation des Krankenpflege-Roboters, der dem Pflegepersonal die Arbeit erleichtern soll. © RIKEN
Ein Ansatz: teilautonome Pflegewagen
Im Mai diesen Jahres stellte die Ingenieurin und Informatikerin Dr. Birgit Graf vom Fraunhofer IPA bei der 7. internationalen Fachmesse für Automation und Mechatronik Automatica in München den in Kooperation mit dem Ludwigsburger Unternehmen MLR entwickelten Serviceroboter Casero 4 vor. Der teilautonome Pflegewagen soll das Personal stationärer Pflegeeinrichtungen unterstützen, indem er etwa Pflegeutensilien automatisch bereitstellt.
Der intelligente Pflegewagen fährt autonom zum Einsatzort. (Bild: Fraunhofer IPA)
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https://www.healthrelations.de/2019-kommen-personaluntergrenzen-fuer-krankenhaeuser/Fraunhofer erforscht Multifunktionspersonenlifter
Die Wissenschaftler vom Fraunhofer IPA forschen auch an einen teilautonomen Multifunktionspersonenlifter. Im Rahmen desElevon-Projekts wurde ein erster Prototyp aufgebaut. Ob beim Anheben zum Wechseln der Bettwäsche, beim Umsetzen auf einen Rollstuhl oder beim Baden: In der Pflege werden heute Menschen, die sich nicht oder nur teilweise bewegen können, auf unterschiedliche Weise gestützt, gehoben, positioniert oder transportiert. Bisher werden dafür unterschiedliche Liftersysteme wie beispielsweise Hänge-, Gurt- oder Badelifter eingesetzt. Solche Geräte eignen sich allerdings nur für die jeweilige Anforderung und sind nicht immer am Einsatzort verfügbar, so dass sie oft erst aus einem anderen Raum geholt werden müssten. Aus Zeitmangel würden Personen deshalb oft manuell bewegt, was wiederum zu einer erhöhten physischen Belastung der Pflegekräfte führt. Daher soll der Elevon-Multifunktionslifter Aufgaben vereinen, die heute noch mehrere Einzel-Liftersysteme übernehmen. Die Pflegekräfte können den Lifter zudem elektronisch anfordern und er kann auch selbstständig dorthin navigieren, wo er gebraucht wird. Anhand von Sensoren erkennt Elevon die Person automatisch, kann sein Aufnahmesystem entsprechend positionieren und somit die Bedienung extrem erleichtern. https://www.youtube.com/watch?v=fjkZjkDbg-MInteraktiver Service-Roboter für Haushalt, Pflegeheim und Krankenhaus
Ebenfalls am Fraunhofer IPA entwickelt wurde die Serviceroboter-Plattform Care-o-bot. Als interaktiver Butler ist die dritte Produktserie bereits in der Lage gewesen, einfache Assistenzfunktionen im häuslichen Umfeld sowie im Kontext der stationären Pflege in Heimen zu übernehmen. Zum Beispiel kann der Care-o-bot 3 auf Anforderung selbstständig an einem Wasserspender einen Becher holen, diesen platzieren, Wasser zapfen und den befüllten Becher dann zu einem gewünschten Ort transportieren.
Technik vs. Zuwendung
Neben all den technischen Innovationen bleibt die Frage inwieweit der Aspekt Zuwendung bei der Pflege bleibt. Doch auch diesen könnten Roboter vermitteln, glauben Ingenieure. Schon seit über 20 Jahren wird Paro vermarktet. Hierbei handelt es sich um einen robbenförmigen Roboter, der mit verschiedenen Berührungssensoren ausgestattet ist und so z.B. auf Streicheln reagiert. Paro-Schöpfer Takanori Shibata vom japanischen National Institute of Advanced Industrial Science and Technology hat den Roboter sozial programmiert und mit entsprechender Sensortechnik ausgestattet. Die Sensoren messen Berührungen, Licht, Akustik, Temperatur und Position des Roboters und versorgen zwei Computer im Inneren mit Infos.
In Japan wird der emotionale Roboter „Paro“ bislang vorwiegend zur Unterhaltung und weniger zur Therapie eingesetzt. Foto: Matthias Kind