Wie kann die Pharma- und Healthcare-Forschung von künstlicher Intelligenz profitieren? Dr. Bertram Weiss, Vice President Health bei dem auf KI spezialisierten IT-Unternehmen Merantix Momentum, erklärt im Interview, wie die Branche die transformative Kraft der Technologie für sich nutzen kann – und wie sie das kommunikativ begleiten sollte.

Health Relations: Herr Dr. Weiss, Pharma und Healthcare in Deutschland setzen schon länger auf KI, insbesondere in der Forschung. Was sind die großen Potenziale?

Dr. Bertram Weiss: Nicht ohne Grund wird die transformative Kraft von KI oft mit der der industriellen Revolution verglichen. Wo früher die Dampfmaschine die Muskelkraft ersetzt hat, werden jetzt kognitive Fähigkeiten zugänglich für die Skalierbarkeit durch Computer. Generell lässt sich das Potenzial von KI in der Forschung in zwei Kategorien unterteilen: Zum ersten die „Efficacy“ – KI gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu tun, die wir vorher nicht tun konnten. Zum zweiten die „Efficiency“, also die Möglichkeit, Dinge effizienter zu tun. Daraus ergibt sich außerdem eine soziale Komponente: Mit KI können die forschenden Unternehmen ihre Produktivität für die Gesellschaft erhöhen.

Health Relations: Können Sie diese transformative Kraft mit ein, zwei Beispielen veranschaulichen?

Dr. Bertram Weiss: KI liefert viele wenig offensichtliche Wertbeiträge. Ein Beispiel kommt aus der Bettenlogistik von Krankenhäusern. Wird ein Patient entlassen, ist das Bett danach zu desinfizieren. Bis die Meldung dazu im Keller ankommt, kann es aber dauern. Die Lösung: Die Pflegekräfte bekommen eine App auf ihr Handy, mit dem sie einen QR-Code an dem freigewordenen Bett scannen können. Dahinter liegt ein KI-System, dass die Bettenlogistik-Prozesse optimiert und so eine erhebliche Anzahl Betten sparen kann. Hier spart die KI also Material ein.

Ein weiteres Beispiel: Mit Merantix Momentum etwa haben wir für ein Pharmaunternehmen eine KI-Lösung gebaut, die im Rahmen von Sicherheitsstudien zum Einsatz kommt. Die KI unterstützt bei der Frage, ob Nagetiere durch die Behandlung mit neuartigen Wirkstoffen Verhaltensänderungen zeigen. Dazu werden die nachtaktiven Tiere über Nacht mit Infrarotkameras gefilmt. Die Videos wurden bislang für wenige Verhaltensweisen und messbare Parameter ausgewertet. Durch den Einsatz von Computer Vision Technologie konnte das Erkennen und die Annotation einer Vielzahl verschiedener Verhaltensweisen automatisiert und effizient gemacht werden. Das war zuvor nicht möglich. Das Tool ermöglicht mithilfe von aktivem Lernen die Detektion von derzeit 20 Verhaltensweisen mit immer besserer Genauigkeit. Die Statistik wird aussagekräftiger und stabiler. Darüber hinaus unterstützt die KI das Erkennen bisher unerwarteter Verhaltensweisen, die zuvor unentdeckt blieben. Die KI unterstützt also die Wissenschaftler:innen bei ihrer Entscheidungsfindung optimal, daher werden diese Systeme oft als „human in the loop“-Lösungen bezeichnet.

Solche „hidden value cases“ gibt es viele. Entscheidend ist dabei das nötige Mindset. Wer KI erfolgreich einsetzen will, muss offen für ein erhöhtes Maß an Kooperation zwischen den Silos und Abteilungen sein.

„In Deutschland ist eine Zusammenführung von Daten aus Silos innerhalb von Unternehmen und insbesondere über alle Partner des Gesundheitswesens hinweg schwierig.“

Health Relations: Lassen Sie uns einen Blick über den Tellerrand werfen: Wo steht Pharma im Vergleich zu anderen Branchen, was den Einsatz von KI angeht?

Dr. Bertram Weiss: Da lohnt sich der Blick ins Finanzwesen. Die Branche ist ähnlich stark reguliert wie das Gesundheitswesen, aber deutlich weiter, was Digitalisierung und KI angeht. Der Grund dafür: Die Gewinnorientierung ist stärker als im Gesundheitswesen. Deshalb wird die Digitalisierung dort aggressiver angegangen. Das lässt sich nicht eins zu eins aufs Gesundheitswesen übertragen, weil es hier eben um die Gesundheit von Menschen geht. Und das ist gut und richtig so. Gleichzeitig gibt es auch im Gesundheitswesen wirtschaftlichen Druck und explodierende Kosten. Vorrangiges Ziel für Pharma und Gesundheitsbranche ist nicht die Rentabilität, sondern die Lebensqualität der Menschen. Sie weiter zu erhöhen – dabei kann KI uns helfen.

Health Relations: Kommt KI im Mittelstand genauso intensiv zum Einsatz wie in Big Pharma?

Dr. Bertram Weiss: Meiner Erfahrung nach sind große Unternehmen da offener und schneller als die Mittelständler. Die Großunternehmen in Europa standen 2023 laut EuroStat bei rund 30 Prozent KI-Adaption, die Gesamtheit aller Firmen bei nur acht Prozent. Die großen Pharmafirmen können sich das besser leisten: Sie beschäftigen heute alle große KI-Teams mit breit gefächerten Kompetenzen. Für den Mittelstand gibt es finanzielle Hürden. Auch der regulatorische Druck verhindert schnelle Veränderungen. Gleichzeitig wird dort die transformative Kraft der KI vielleicht noch immer nicht ausreichend wahrgenommen. Was es meiner Meinung nach jetzt unbedingt braucht, ist mehr Bildung mit Blick auf technologisches Wissen und die Bereitschaft, sich dem Thema zu öffnen und schnell aufzuschließen.

Health Relations: Ein weiterer Blick über den Tellerrand, diesmal den nationalen: Wo steht die hiesige Pharmabranche in Sachen KI im internationalen Vergleich?

Dr. Bertram Weiss: Die europäische KI-Forschung ist international kompetitiv. Wo wir hinterherhinken, ist in der Annahme und Umsetzung im betriebswirtschaftlichen Alltag. Da sind wir deutlich langsamer als etwa China und die USA. Das liegt zum einen an deren höherer Technologieoffenheit. Zum anderen gibt es in den USA eine ganz andere Risikokapitallandschaft; in China sind Investitionen oft staatlich gelenkt.

In Europa sind wir langsamer. Der Grund sind unsere strikten Regeln und Gesetze bezüglich Datensicherheit und Datenschutz. In Deutschland ist eine Zusammenführung von Daten aus Silos innerhalb von Unternehmen und insbesondere über alle Partner des Gesundheitswesens schwierig. Das wird sich mit der ePA jetzt bessern: Darüber werden Patienten ihre Daten zentral verwalten und über ihre Freigabe bestimmen. Das ist eine Chance, um beides zu verbessern: die Zentralisierung und Nutzbarkeit der Daten auf der einen und den Datenschutz auf der anderen Seite.

„Die Menschen müssen erkennen, dass KI kein Voodoo ist. Dafür müssen sie sie besser kennenlernen und ihre Möglichkeiten oder Risiken verstehen.“

Health Relations: Was braucht es jetzt, um wettbewerbsfähiger zu werden?

Dr. Bertram Weiss: Dafür sollten wir mehr auf Bildung setzen, beginnend in der Schule. Die Menschen müssen erkennen, dass KI kein Voodoo ist. Dafür müssen sie sie besser kennenlernen und ihre Möglichkeiten oder Risiken verstehen. Es macht viel Spaß, sich mit der Technologie auseinandersetzen. Dann kann man sie auch aktiv steuern. Passivität hingegen führt in die gefühlte Ohnmacht.

Der Vorsitzende des KI-Bundesverbandes, Jörg Bienert, forderte zudem kürzlich mehr Mut und Investitionsbereitschaft sowohl von privater als auch staatlicher Seite sowie ein eigenes Digitalministerium als zentrale Steuerungseinheit – dies sind wichtige Schritte. In der Tatsache, dass wir Denkvorgänge jetzt mit Computern skalieren können, liegt eine unglaubliche Veränderungskraft. Wenn wir als Europäer das für uns nicht erkennen und steuern, dann werden wir gesteuert. Dann werden wir Lösungen bekommen, wie China oder die USA sie für richtig empfinden. Es liegt in unserer Hand, ob wir das wollen oder selbst tätig werden.

Health Relations: Der Einsatz von KI im Gesundheitswesen birgt auch Herausforderungen für Marketing und Kommunikation. Wie lässt es sich kommunikativ begleiten, wenn Menschen mit Angst oder Skepsis reagieren?

Dr. Bertram Weiss: Über Beispiele zu reden, kann Ängste nehmen. Wenn KI die Dinge zum Positiven verändert, müssen wir das auch zeigen. Im Healthcare-Bereich ist die menschliche Komponente ganz wichtig. Wenn ich krank bin, bin ich verletzlich und brauche die Zuwendung von Menschen. In diesem Kontext gilt es also zu kommunizieren, dass KI etwa Aufgaben eliminieren kann, die Pflegende und Ärzte vom Menschen abhalten. Es gibt jetzt zum Beispiel KI-Scriber, die im Arztgespräch Mitschriften erstellen. Dadurch muss der Arzt im Gespräch mit dem Patienten nicht mehr mittippen, er wird von der Dokumentation entlastet, und der Patient fühlt sich besser wahrgenommen und begleitet.

Health Relations: Welche Entwicklungen werden wir in den nächsten fünf Jahren sehen?

Dr. Bertram Weiss:Die KI-Entwicklung schreitet rasant voran. Ich erwarte zum einen, dass KI-Agenten immer mehr Prozessschritte ersetzen, die heute noch unser Denken verlangen. Diese Agenten werden irgendwann untereinander verschaltet und als sogenannte „multi-agentic AI“ ganze Prozessabläufe untereinander aushandeln und organisieren. Wenn ich als Patient künftig zum Arzt muss, werde ich vorher schon meine Daten eingeben, sodass die Aufnahme künftig deutlich schneller funktioniert. Mein Röntgenbild aus der Radiologie wird automatisch ausgewertet, die KI wird alles gegenchecken und die Fehlerrate dadurch sinken.

Zum anderen wird „multi-modale KI“ nicht mehr nur Text, Bilder oder Ton analysieren, sondern alles auf einmal. Eine KI könnte zum Beispiel meine aktuellen Symptome mit den Informationen meiner Patientenakte abgleichen und auf mögliche Zusammenhänge mit Vorerkrankungen hinweisen. Sie könnte den Patientenstrom leiten und mich direkt zum passenden Facharzt schicken. Hier ist also nicht nur jede Menge Effizienzsteigerung möglich – ich sage zudem voraus, dass auch ganz neue Dinge entstehen werden, wenn die Agenten miteinander interagieren und gegeneinander antreten.